Der Freitagstermin, an dem Holly Win beginnt
Es ist 10:40 Uhr an einem Freitag, als in der 3b die Stühle im Kreis stehen. Auf dem Boden liegen fünf Karten: eine Sonne, ein Schlüssel, ein Ohr, eine Waage und ein leeres Blatt. Die Lehrperson sagt nur einen Satz: „Heute starten wir mit Holly Win.“ Gemeint ist keine Lotterie und kein Preisspiel, sondern eine feste Feedbackroutine, die seit einem Semester jede Woche denselben Ablauf hat. Die fünf Karten markieren die Rollen: Lob aussprechen, Zugang öffnen, zuhören, abwägen, nächsten Schritt notieren.
Die Runde dauert 18 Minuten. Jede Schülerin und jeder Schüler hat genau eine Karte und damit eine Aufgabe. Wer die Sonnenkarte hält, benennt eine konkrete Beobachtung aus der Woche. Wer das Ohr hat, wiederholt das Gehörte in eigenen Worten, ohne es zu bewerten. Das leere Blatt ist reserviert für eine Maßnahme, die bis zum nächsten Freitag gilt. Diese Rollenverteilung ist der Kern von Holly Win: Sie verhindert, dass Feedback in allgemeinem Lob oder in Rechtfertigungen endet.
Drei Schritte, die aus Rückmeldung eine Handlung machen
Holly Win folgt einem festen Dreischritt. Zuerst wird eine Situation beschrieben, dann wird ihre Wirkung benannt, und erst danach wird eine kleine Veränderung vereinbart. Die Reihenfolge ist wichtig, weil sie den Blick von der Person auf die Beobachtung lenkt. Ein Beispiel aus der Klasse: „Du hast beim Gruppenpuzzle die Aufgabenkarten übernommen, bevor die Gruppe wusste, wer welche Rolle hat“ ist eine Beschreibung. „Das hat bei mir Stress ausgelöst“ ist die Wirkung. „Beim nächsten Mal liest du die Rollenkarten laut vor“ ist die Vereinbarung.
- Situation: Was ist konkret passiert, ohne Interpretation?
- Wirkung: Was hat das bei mir oder in der Gruppe ausgelöst?
- Vereinbarung: Welche eine Sache ändert sich bis zur nächsten Runde?
Die Lehrperson moderiert nur die Zeit und achtet darauf, dass keine Diskussion beginnt. So bleibt Holly Win ein Format für alle, nicht die Bühne für die lautesten Stimmen.
Warum die Routine an der NMS Brüsslgasse funktioniert
Der Schulalltag bietet viele Gelegenheiten für Rückmeldung, aber selten einen geschützten Rahmen. Genau dort setzt die Routine an. An der NMS Brüsslgasse, deren Website unter https://nmsbruesslgasse.at/ erreichbar ist, wird Holly Win im Rahmen des sozialen Lernens eingesetzt: Die Klasse übt, Beobachtungen von Bewertungen zu trennen, und dokumentiert die Vereinbarungen in einem schmalen Heft. Nach sechs Wochen zeigt sich ein unspektakulärer, aber wichtiger Effekt: Die Sätze werden kürzer und konkreter. Statt „Du bist immer so“ heißt es häufiger „Du hast heute zweimal dazwischengerufen“.
Das ist kein Zufall. Holly Win gibt jedem Satz eine Funktion. Wer eine Karte hält, muss nicht über die ganze Gruppe sprechen, sondern nur über eine beobachtbare Szene. Die Waage-Karte zwingt außerdem dazu, eine Gegenposition zu formulieren: Was spricht dafür, dass die andere Person recht haben könnte? Diese kleine Bremse senkt die Temperatur in Konflikten und macht Vereinbarungen überprüfbar.
Was nach sechs Wochen anders ist
Die Klasse hat nach sechs Wochen drei Veränderungen notiert. Erstens werden Absprachen häufiger schriftlich festgehalten. Zweitens sinkt die Zahl der Unterbrechungen, weil das Ohr-Kärtchen sichtbar auf dem Tisch liegt. Drittens trauen sich stillere Schülerinnen und Schüler eher, die Sonnenkarte zu wählen, weil sie nicht sofort eine Debatte eröffnen müssen. Die Wirkung entsteht nicht durch das Material, sondern durch die Wiederholung: Immer freitags, immer 18 Minuten, immer dieselben drei Schritte.
Holly Win ist damit weniger ein Projekt als eine Gewohnheit. Wer die Routine einführt, braucht keinen großen Apparat, sondern einen festen Termin, fünf klare Rollen und die Bereitschaft, Beobachtung und Bewertung auseinanderzuhalten. Genau diese Trennung macht aus einem flüchtigen Gespräch eine Vereinbarung, die bis zur nächsten Woche trägt.